Lorén Kuhn führt ihre ¿Brillenstube¿ in Wittenberg
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Lorén Kuhn führt ihre ¿Brillenstube¿ in Wittenberg

Plötzlich auf sich selbst gestellt

Lorén Kuhn eröffnete ihre "Brillenstube" samt mobilem Service mitten im Corona-Jahr.

Die feierliche Einweihung ihrer Geschäftsräume fiel zwar aus, aber das Geschäft entwickelt sich stetig. Die Jungunternehmerin weiß heute, wo die Fallstricke einer Gründung liegen.

Für die feierliche Eröffnung ihrer Geschäftsräume hatte Lorén Kuhn alles vorbereitet. Der Sekt stand schon im Kühlschrank, die Canapés waren bestellt. Doch Corona machte der jungen Augenoptikermeisterin einen Strich durch die Rechnung. Inzwischen kann die junge Meisterin arbeiten. Kuhn empfing Mitte Mai die ersten Kunden in ihrem Geschäft in Wittenberge. Auch die Altenheime, die sie kontaktierte, freuten sich über das neue Angebot in der Region. „Ich habe hier ein Alleinstellungsmerkmal. Einen mobilen Service bieten die anderen Optikgeschäfte nicht. Schon während meiner Ausbildung haben mich oft ältere Leute angesprochen, ob ich nicht auch zu ihnen nach Hause kommen kann. Das machte ich zu meinem Geschäftsmodell“, so die 30-Jährige. Montag und Dienstag ist sie mit ihren mobilen Messgeräten unterwegs. Die restlichen Wochentage hat sie ihr Geschäft geöffnet und schleift Gläser in ihrer Werkstatt.
Schon seit Start ihrer Meisterqualifikation träumte die Prignitzerin von der Selbständigkeit. Heute laufe es „noch besser als erwartet“, so Kuhn. Dennoch gab es viele Hürden, welche die Jungunternehmerin zweifeln ließen. „Plötzlich musste ich alles selbst entscheiden. Ladenbau, Fassungen, die ganzen Anträge. Ich hatte Steuerberater, die Bürgschaftsbank, die Handwerkskammer und den Lotsendienst mit im Boot. Aber die Entscheidungen musste ich treffen. Ich war plötzlich auf mich allein gestellt.“
Betriebsberaterin Undine Ebert kennt die Sorgen junger Unternehmerinnen und Unternehmer. „Gründungswillige werden heute von vielen Seiten beraten, jeder möchte und bietet etwas anderes. Da muss man sich erst einmal zurechtfinden“, sagt sie. Bei Lorén Kuhn merkte sie zudem schnell, diese Frau brennt für ihr Handwerk. Es fiel der Betriebsberaterin der HWK deshalb leicht, die Bürgschaftsbank von einem Kredit zu überzeugen. „Mit Hilfe der Bürgschaftsbank war der notwendige Kredit möglich, den Frau Kuhn brauchte. Bürgschaften sind für Gründer sehr wichtig, denn es ist für sie sehr schwer, auf dem freien Markt einen Kredit zu bekommen. Wir Betriebsberater erarbeiten die Stellungnahme für die Bürgschaftsbank und setzen uns für die Ideen der Gründer ein“ so Ebert. Die Handwerkskammer berät zu formalen Voraussetzungen einer Gründung und zu Fördermitteln, leistet aber auch Netzwerkarbeit und motiviert. „Wir sind sehr gut vernetzt, jeder kennt jeden, vor allem hier in meinem Gebiet in der Prignitz. Wir können die Gründer an die richtigen Stellen leiten und den Weg in die Selbstständigkeit ebnen und begleiten“, so die Beraterin.

Fördermittel für junge Selbständige

Gründer und Nachfolger beim herausfordernden Prozess Betriebsaufbau zu unterstützen, hat sich auch das Wirtschaftsministerium Brandenburgs auf die Fahnen geschrieben. Bei einem virtuellen Besuch im Betrieb der WMP-Tischlerei in Großwoltersdorf (wir berichteten in Heft 11/20) informierte sich Wirtschaftsminister Jörg Steinbach über die praktischen Herausforderungen eines Betriebes, der mitten in der Nachfolge steckt. „In den kommenden Jahren steht in vielen Betrieben die Nachfolge an. Doch für immer mehr leistungsfähige Unternehmen wird kein Nachfolger gefunden – eine bundesweit zu verzeichnende Herausforderung“, beschreibt er das Problem.
Das Ministerium unterstützt Gründer und Nachfolger im Handwerk deshalb mit der Meistergründungsprämie, die erst im September 2020 erhöht wurde. Dieser Zuschuss soll junge Handwerksmeisterinnen und Handwerksmeister motivieren, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Gründen oder übernehmen sie einen Betrieb im Land Brandenburg oder gehen eine Beteiligung ein, können sie einen einmaligen Zuschuss von bis zu 12.000 Euro erhalten. Zuvor lag die maximale Summe für die Basisförderung bei 8.700 Euro. Wer zusätzlich einen neuen Arbeits- oder Ausbildungsplatz schafft, erhält in einer zweiten Stufe noch einmal bis zu 5.000 Euro (statt zuvor 3.300 Euro). Wird dieser Arbeits- oder Ausbildungsplatz mit einer Frau besetzt, erhöht sich die Fördersumme auf maximal 7.000 Euro.
Auch die junge Optikerin Kuhn nutzte die Beratungen und Unterstützung der Handwerkskammer Potsdam. Sie erhielt von der Investitionsbank den Zuschuss in Höhe von 8.700 Euro. Auch von der Arbeitsagentur erhält sie als junge Gründerin finanzielle Hilfe. „Schwierig war die Wartezeit. Die Fördermittel bei der Meistergründungsprämie beispielsweise müssen erst genehmigt werden, bevor Verträge abgeschlossen werden dürfen. Aber ich wollte ja weitermachen, mir den Mietvertrag sichern“, berichtet die Handwerkerin.
Trotz Corona ist die Jungunternehmerin mit ihrer Geschäftsentwicklung zufrieden. „Es ist sogar noch besser, als ich erwartet hatte. Sein eigener Herr zu sein, sein eigenes Einkommen zu erwirtschaften, das finde ich absolut klasse. Trotzdem ist es ein mutiger Weg, weil man nicht weiß, was auf einen zukommt“, zieht sie ein Fazit.

Die Handwerkskammer Potsdam berät kostenfrei zum Thema Existenzgründung, Finanzierung, Netzwerkarbeit, Fördermittel und formalen Anforderungen.

Ansprechpartnerin:

Dagmar Grüner
Abteilung Wirtschaftsförderung, Umwelt und Technologie

Tel. +49 331 3703-300
Fax +49 331 3703-8300
dagmar.gruener--at--hwkpotsdam.de