30 Jahre Einheit: Fleischerei Dülfer aus Neuruppin
Fleischerei Dülfer GmbH
30 Jahre Einheit: Fleischerei Dülfer aus Neuruppin

Kein Rind - aber Rouladen

Rückblick: Schlaraffenland und knapp an der Insolvenz vorbei, zwischen diesen Extremen schwankte die Fleischerei Dülfer nach der Wende. Die Währungsunion lag noch in weiter Ferne, da kaufte Burkhardt Dülfer in Westberlin schon auf Kredit Naturdärme, die in der DDR nicht mehr verfügbar waren.

Text: Katja Wolf

Ostprignitz-Ruppin: Risikobereit und findig, so waren die Dülfers schon immer. Waren Wurstdärme auf legalem Weg in der DDR nicht zu bekommen, packte Vater Dülfer seinen PKW voll mit Wurst und fuhr an die Ostsee. Einige Stunden später kehrte er mit vollem Kofferraum zurück – die Wurstproduktion für die nächsten Wochen war gesichert. Gegen Ende der 80er wurde Material immer knapper, auch für die private Fleischerei. „Irgendwann gab es keinen Pfeffer mehr. Es gab einen Ersatzstoff, der war grün, scharf und salzig. Ich habe das Wurstmachen mit diesem Ersatzstoff gelernt, danach habe ich sowas nie wiedergesehen“, erinnert sich Matthias Dülfer an die letzten Jahre der DDR, als er noch mitten in der Ausbildung steckte.
Als die Mauer gefallen war, ging es bei den Dülfers Schlag auf Schlag. Burkhard Dülfer, der die Fleischerei in den 60ern außerhalb der Familie übernommen hatte, kaufte Därme bei einem Westberliner Händler. Das Kuriose: die Währung, in der er diese auf Kredit gekauften Waren bezahlen sollte, hatte Dülfer gar nicht. Er besaß und verkaufte seine Waren zu DDR-Mark. „Das störte den Händler nicht. Er hatte in seine Preise Risiko und Zinsen gut einkalkuliert. Er vertraute meinem Vater und hat sein Geld mit gutem Profit ausgezahlt bekommen“, weiß Matthias Dülfer, der heute die Geschäfte der Fleischerei erfolgreich mit sechs Filialen führt.
Dabei stand der Betrieb des Familienunternehmens zwischendurch mehrmals auf der Kippe. Schon im August 1990 sanierten die Dülfers ihre Fleischerei komplett, investierten 180.000 D-Mark in neue Kältetechnik, Ausstattung, Fußbodenheizung. Als alles fertig war, blieben die Kunden weg. „Schon damals hatte mein Vater Bauchschmerzen, ob wir das jemals wieder zurückzahlen können“, so der Fleischermeister. „Aber dann ging es auf Weihnachten zu, und die Kunden standen wieder Schlange.“

Baugenehmigung da und kein Kredit

Einige Jahre ging es richtig bergauf. Ein Jahr nach der Wende folgte die erste Filiale, Mitte der 90er belieferten die Dülfers schon sieben eigene Läden, einige davon in neu eröffneten Einkaufszentren. „Wir hatten ja nur die kleine Produktionsstätte in Neuruppin und kamen kaum mit der Produktion hinterher“, sagt Dülfer. Neben Wurst und Fleisch waren auch Molkereiprodukte angesagt, da die Supermärkte zunächst noch auf sich warten ließen. „Die Kunden kauften, was das Zeug hielt. Das war, als wären gebratene Gänse durch die Luft geflogen“, erinnert er sich.
1992 investierte die Familie in ein Grundstück im Gewerbegebiet in Treskow nahe Neuruppin. Eine große Produktionshalle sollte entstehen. Nachdem nach zwei Jahren Wartezeit endlich die Baugenehmigung vorlag, gab es nur noch ein Problem: Es fehlte das Geld. „Sparkasse, Volksbank, selbst eine private Bank, die haben sich da nicht rangetraut“, erinnert sich der Unternehmer. Erst im vierten Anlauf und nur dank persönlicher Beziehungen im Rotary-Club, den Burkhard Dülfer mitgründete, konnte schließlich der Kreditvertrag unterschrieben werden.
Kaum war diese Zitterparty überstanden, begann die große Krise. Supermärkte und Discounter eröffneten rund um Neuruppin, der Umsatz brach um 40 Prozent ein und die Dülfers gerieten an das falsche Steuerbüro. Dazu kamen die monatlichen Kreditraten. Es war ein Projekt der Handwerkskammer Potsdam, das den Betrieb am Ende rettete. „Die Handwerkskammer stellte uns einen Berater zur Seite. Der hat sich die Bücher angeschaut und alles auf den Kopf gestellt“, erklärt der Fleischermeister.
Irgendwann kamen zum Glück auch die Kunden zurück. Es war der BSE-Skandal, der das ermöglichte. Inzwischen gab es auch die richtige Marketingstrategie für den Familienbetrieb: ‚Ich weiß, was ich esse‘ stand auf Plakaten in den Geschäften und zeigte die regionalen Bauern, mit denen Dülfer zusammenarbeitet. „Es war schon verrückt“, erinnert sich Matthias Dülfer. „Die Kunden kauften keinen Rinderbraten mehr, sie hatten Angst vor BSE. Aber Rouladen, die nahmen sie. Ich glaube, der Umsatz an Rinderrouladen hat sich in dieser Zeit vervielfacht.“

Dieses Unternehmensportrait erschien in der Ausgabe 12/2020 des Handwerksblattes der Handwerkskammer Potsdam im Rahmen der redaktionellen Serie "30 Jahre Einheit".