Bernd Blumrich mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe
Fotoatelier Blumrich
Bernd Blumrich mit dem ehemaligen Ministerpräsidenten Manfred Stolpe

Mit der Kamera gegen die Stasi

Rückblick: 1989 organisierte das Neue Forum den Widerstand in der heutigen Landeshauptstadt. Bernd Blumrich war mit seiner Kamera mittendrin - und fand sich plötzlich verhaftet in einem Wartburg wieder.

Text: Katja Wolf

Potsdam-Mittelmark: Für Bernd Blumrich begann der Widerstand in Budapest. Er war dort mit seiner Frau unterwegs. Als Ungarn seine Grenzen öffnete, legten sich die Blumrichs die Karten: Ab in den Westen oder zurück nach Hause? „Für mich war klar, dass es auch in der DDR nicht so weitergehen kann. Außerdem konnte ich meine Firma nicht einfach aufgeben. Ich hatte sechs Mitarbeiterinnen. Also haben wir uns auf den Weg zurück gemacht“, erinnert sich der Fotograf.
Am 18. September 1989 gründete sich das „Neue Forum“ als politische Organisation in der Potsdamer Erlöserkirche. Bernd Blumrich wurde Mitglied und dokumentierte das Zeitgeschehen mit seiner Kamera: einer Canon, die ihm sein Bruder in Westberlin besorgt hatte. Anfang Oktober gab es Kundgebungen an vielen Orten in Potsdam, eine der größten am Babelsberger Weberplatz. Tausende waren unterwegs, zunächst noch umringt von Stasi und Polizei. Angst spürte der Fotograf dennoch nicht. „Immer wieder wurde über Lautsprecher dazu aufgerufen, friedlich zu bleiben. Und das waren und blieben wir auch.“ In dieser Zeit entstand sein Bild ‚freie Rede‘. Es zeigt einen Mann, umringt von einer Menschenmasse. „Wir hatten das erste Mal die Möglichkeit, frei und unverblümt unsere Meinung zu äußern. Das haben damals viele genutzt.“
Als am 7 Oktober 1989, dem 40. Jahrestag der DDR, Demonstranten Richtung Friedrich-Ebert-Straße zogen, fotografierte der Handwerker auch gewaltbereite Demonstranten, die vor dem bekannten Potsdamer Café Heider festgenommen worden. Kurzerhand wurden er und seine Frau inhaftiert und behelfsmäßig in einer Turnhalle untergebracht. „Ich wurde in der Nacht verhört, warum ich mit westlicher Technik Bilder aufnehme und ob ich diese dem Klassenfeind zur Verfügung stellen wolle“, erinnert sicher der heute 70-Jährige. Einen Grund zur Anklage gab es nicht, die Blumrichs wurden am nächsten Tag freigelassen. „Ich machte eine Eingabe beim Bezirksstaatsanwalt wegen Verhinderung meiner beruflichen Tätigkeit. Die Kripo lud mich danach zum Gespräch, entschuldigte sich und gab mir meine Filme zurück.“

Klappkarten mit handgemachten Fotos

Viele Jahre lagen die Fotografien in Bernd Blumrichs Archiv in Kleinmachnow. Nach der Wende hatte er mehr als genug zu tun, seinen 1977 gegründeten handwerklichen Betrieb zu erhalten. Er stellte seine Produktion komplett um. So fertigte der Fotograf etwa Klappkarten handgemachter Fotos mit Potsdam-Motiven, eine wesentliche Einnahmequelle zu DDR-Zeiten. Das war nach 1990 nicht mehr gefragt. Der Unternehmer investierte in sein eigenes Fotostudio und bietet seither die komplette Bandbreite eines klassischen Fotogeschäfts.
Erst Ende August 2004 veröffentlichte er eine Auswahl seiner Wendefotografien im Rahmen einer Ausstellung. Der damalige Ministerpräsident Manfred Stolpe motivierte den Fotograf zu diesem Schritt und eröffnete seine Vernissage. „Wir brauchen diese Erinnerungen an eine Zeit, als es um Freiheit und Einheit ging“, schrieb er ins Gästebuch der Ausstellung. Der Fotograf selbst setzt sich heute für die Erinnerung ein. "Am 17. März 1990 wurde vor dem heutigen Filmmuseum Potsdam ein Baum gepflanzt: die Freiheitslinde. Heute erinnert sich kaum jemand, aus welchem Anlass der Baum damals gepflanzt wurde. Es ist mein Herzenswunsch, über ein solches Symbol im öffentlichen Raum zu informieren", so Bernd Blumrich.

Dieses Unternehmensportrait erschien in der Ausgabe 5/2020 des Handwerksblattes der Handwerkskammer Potsdam im Rahmen der redaktionellen Serie "30 Jahre Einheit"