Pressekonferenz zur Frühjahrskonjunktur 2008 am 14. Mai 2008, Präsident Bernd Ebert
Sehr geehrte Damen und Herren,
alle Jahre wieder, im Frühjahr befragt die Handwerkskammer ihre Mitgliedsbetriebe zu ihrer konjunkturellen Lage.
Im Frühjahr 2007 schätzten die Unternehmen sowohl ihre Lage als auch die Perspektiven so positiv ein wie nie zuvor in den zurückliegenden 10 Jahren.
Das Herbstgutachten, das die führenden Wirtschaftsinstitute 2007 veröffentlicht haben, sagte einen Anstieg des privaten Konsums für 2008 voraus.„Bei der nächsten Konjunkturumfrage im Frühjahr 2008 werden wir sehen, wie realistisch die Voraussage war," habe ich Ihnen bei unserem Pressegespräch im letzten Herbst gesagt.
Damit steht die spannende Frage im Raum, ob sich im 1.Quartal 2008 die optimistischen Prognosen bewahrheitet haben oder ob der Aufschwung seinen Zenit bereits überschritten hat, wie einige Tendenzen im Herbst 07 befürchten ließen.
Um objektiv und aktuell die Situation unserer mehr als 16.480 Betriebe zwischen Prignitz und Teltow-Fläming beurteilen zu können, haben wir sie befragt. Die repräsentativen fast 500 Antworten ergeben folgendes Bild:
Für das 1. Quartal 2008 können wir sagen: Die Grundstimmung der Handwerksbetriebe ist und bleibt positiv!
- 71 Prozent der Befragten- und damit die Mehrzahl- bewerten ihre Geschäftslage mit „gut" oder „befriedigend". Das sind 1,4 Prozent mehr als im Frühjahr 2007. Diese Zahl kann man zweifach interpretieren und beides ist richtig:
1. Der Aufschwung hat an Dynamik verloren. Aber
2. Das erreichte Niveau konnte stabilisiert werden! - 29 Prozent der Befragten bewerten ihre Geschäftslage als schlecht.
Durchschnittswerte verfälschen natürlich immer schnell den Eindruck, deshalb möchte ich einige Einzelbranchen nennen, um ein differenziertes Bild zu vermitteln, denn es gibt durchaus gravierende Unterschiede.
Hinweis: Sehen Sie dazu auch die Grafik auf Seite 4 der Umfrage.
- Im Bauhauptgewerbe beurteilen nur rd. 62 Prozent der Betriebe ihre aktuelle Lage mit „gut" und „befriedigend". Das sind 8,8 Prozent weniger als im Frühjahr 2007.
Das Amt für Statistik hat für 2007 bei den Baugenehmigungen im Land Brandenburg einen Rückgang um 27 Prozent festgestellt. Seit dem Wegfall der Eigenheimzulage ist deutschlandweit die Zahl der Genehmigungen für Ein -und Zweifamilienhäuser um mehr als ein Drittel eingebrochen, meldete gerade letzte Woche der Zentralverband des Deutschen Baugewerbes. Mit knapp 94700 genehmigten Wohnungen sei ein „historischer Tiefststand" erreicht und der Trend halte an. Für unsere Bauunternehmen ist ein klassisches Betätigungsfeld eingebrochen. - Im Ausbaugewerbe sieht es dagegen positiver aus. Hier sprechen fast 75 Prozent von einer guten bzw. befriedigenden Wirtschaftssituation.
41 Prozent bezeichnen ihre Lage explizit als „GUT". Installateure und Heizungsbauer, Elektriker, Tischler gehören u.a. zu dieser Gruppe. Das zunehmende Interesse der Hausbesitzer an energetischer Gebäudesanierung und am Energiesparen macht sich bemerkbar. - Die meisten Gut- und Befriedigend-Bewertungen aller Branchen gibt es jedoch mit 84,5 Prozent bei den Handwerken für den Gewerblichen Bedarf. 42 Prozent sprechen hier sogar ausdrücklich von einer „guten" Geschäftslage!
Metallbauer und Informationstechniker, Feinwerkmechaniker und Kälteanlagenbauer profitieren eindeutig vom Aufschwung der Binnenkonjunktur. Als Partner und Zulieferer partizipieren sie von der positiven industriellen Entwicklung in Deutschland. - Von den Betrieben des Kfz-Handwerks kommen die schlechtesten Bewertungen. Insgesamt nur 60 Prozent vergeben die Noten „gut" und „befriedigend"; 40 Prozent sprechen dagegen von einer schlechten Wirtschaftssituation.
Der knallharte Verdrängungswettbewerb auf dem Automarkt, der Druck der Hersteller, dem sich die Autohausbesitzer nicht entziehen können und die fehlende Kaufkraft der Bürger bewirken in der Kfz-Branche ein Anhalten der Negativtendenzen. Schon vor einem Jahr war das Kfz-Handwerk das Schlusslicht der Konjunkturentwicklung gewesen. Dass im Frühjahr 2008 jeder 10. eine bessere Bewertung abgegeben hat als 2007, hat die Lage im Vergleich zu anderen Branchen nicht verbessern können. - Ähnlich sieht es bei den personenbezogenen Dienstleistungen aus, wo die positiven Befragungsergebnisse ebenfalls unter dem Kammerdurchschnitt geblieben sind. Friseure, Uhrmacher, Fotografen- um einige Gewerke der Gruppe zu nennen- gaben nur zu 62,8 Prozent an, ihre Geschäftslage sei „gut" oder „befriedigend". Diese Handwerker haben besonders unter der mangelnden Konsumlust der Bürger zu leiden. Der private Konsum bleibt ein Schwachpunkt der konjunkturellen Entwicklung.
Die trotz der genannten großer Branchendifferenzen insgesamt positive Beurteilung der Geschäftslage der Potsdamer Handwerksbetriebe spiegelt sich vor allem in der Personalentwicklung wider.
Ein Trend wurde im 1.Quartal 2008 erstmals durchbrochen - die Betriebe haben kein Personal entlassen, wie sonst oft zu dieser Jahreszeit üblich!!
15 Prozent Personaleinstellungen standen 14 Prozent Personalentlassungen gegenüber. Wir sehen das vorsichtig optimistisch als Trendwende. Gut ausgebildete und motivierte Fachkräfte sind in einigen Gewerken wie beispielsweise bei den Elektrotechnikern nur noch schwer zu finden. Entweder sie haben einen festen Arbeitsplatz oder sie haben als junge Gesellen Brandenburg in den Jahren der Konjunkturflaute für immer verlassen.
Auch wenn das Handwerk durchaus nicht sorgenfrei ist, die Personalentwicklung zeigt, das Handwerk zwischen Prignitz, Havelland und Fläming ist aus der Talsohle heraus! Von Höhenflügen kann aber keine Rede sein, dafür sorgt schon die Bundespolitik aus Berlin.
Mehr als 54.000 Brandenburgerinnen und Brandenburger stehen in den Handwerksbetrieben unseres Kammerbezirkes in Lohn und Brot. Die Mehrzahl der Unternehmen sind jedoch nach wie vor Kleinstbetriebe mit 3 bis 4 Beschäftigten.
Der Glaube an eine dauerhafte Stabilität der wirtschaftlichen Lage ist jedoch nicht soweit ausgeprägt, dass es zu nennenswerten Personaleinstellungen in den nächsten Monaten kommen wird. Einstellungen und Entlassungen dürften sich die Waage halten.
Meine Damen und Herren,
Aufträge sind das Brot des Handwerks, ob Friseur oder Metallbauer, jeder braucht Kunden und Aufträge.
Für die meisten Handwerker - 49 Prozent - ist die Auftragslage im 1.Quartal 2008 konstant geblieben.
38 Prozent berichten jedoch von einem Auftragsrückgang. Das sind zwar 5 Prozentpunkte weniger als vor einem Jahr, aber noch immer viel zu viele.
Nur 12 Prozent berichten von mehr Aufträgen.
Besonders die für den privaten Konsum arbeitenden Handwerker bekommen zu spüren, dass den Bürgern das Geld fehlt. Gestiegene Preise für Energie, Kraftstoff und Lebensmittel belasten die Privathaushalte.
Für "Luxus" vom Handwerker ist kein Euro mehr übrig.
Die Forderung des Handwerks lautet daher:
Mehr netto vom Brutto!!! Mehr Nettolohn, mehr Geld in der Lohntüte ist die Voraussetzung für die dauerhafte Belebung des privaten Konsums.
Die Gesamtsozialversicherungsbeiträge müssen dauerhaft auf unter 40 Prozent gesenkt werden, dann wird sich auch die Auftragslage unserer verbrauchernahen Betriebe verbessern.
Wenn Bruttolohnerhöhungen beim Arbeitnehmer- und damit meine ich natürlich auch unsere Gesellinnen und Gesellen - kaum ankommen, weil die Beiträge für Kranken-, Pflege -und Rentenkasse sowie Arbeitslosenversicherung das meiste davon sofort „auffressen", dann läuft etwas schief. Und das seit Jahren!
- Problematisch in punkto Auftragslage ist erneut das Kfz-Gewerbe. Bei unserer Umfrage spricht mehr als jeder Zweite (54%) von einem Nachfragerückgang.
- Im Nahrungsmittelhandwerk sind es sogar fast zwei Drittel, konkret 65 % der Befragten, die von einer gesunkenen Nachfrage berichten. Mit den Preisen der Billiganbieter können unsere Bäcker und Fleischer nicht konkurrieren. Handwerkliche Qualität hat ihren Preis.
Vergleicht man den Saldo der gestiegenen und gesunkenen Auftragslage, dann nimmt das Handwerk für den gewerblichen Bedarf mit minus 6 Prozentpunkten, den ersten Platz ein. Auf Platz 2 folgen die Gesundheitshandwerke mit allerdings schon minus 19 Prozentpunkten.
Schlusslicht ist in dieser Kategorie das Nahrungsmit telhandwerk mit minus 55 Prozentpunkten.
Die durchschnittliche Betriebsauslastung aller Gewerke liegt mit 71 Prozent geringfügig über dem Vorjahresniveau von 69 Prozent. Die Hälfte der Befragten konnte ihre betrieblichen Kapazitäten zu 80 und mehr Prozent auslasten.
Die aktuelle Auftragsreichweite liegt bei 5 Wochen, das ist eine Woche mehr als zum gleichen Zeitraum des Vorjahres. Eine positive Tendenz, für die wir uns eine Fortsetzung wünschen.
Meine Damen und Herren,
Bundeskanzlerin Angela Merkel räumte zu Jahresbeginn für 2008 „gedämpfte Wachstumserwartungen" ein. Das schwierige weltwirtschaftliche Umfeld mit steigenden Ölpreisen und Bankenkrise, weltweit steigende Lebensmittelpreise und die angespannte Lage auf dem Energiemarkt treffen uns alle mehr oder weniger.
Für den Handwerksunternehmer geht die Schere zwischen Einkaufs- und Verkaufspreisen immer weiter auseinander. Die Einkaufskosten für Material, Energie, Kraftstoff steigen ständig.
78 Prozent der Befragten haben angegeben, dass ihre Einkaufspreise gestiegen sind.
Die Materialpreise in der Bauwirtschaft haben sich ebenso drastisch erhöht wie die Energiepreise. Nicht zufällig wird auf den Baustellen - trotz Sicherung! - im professionellen Stil Material entwendet: Vom schon verlegten Kupferkabel bis zum Bauputz. Die entsprechenden Polizeiberichtete stehen täglich in der MAZ oder PNN.
Nur 24 Prozent der befragten Unternehmen konnten im 1. Quartal höhere Verkaufspreise am Markt durchsetzen und ihre gestiegenen Kosten zumindest teilweise weiterreichen.
Die meisten (59 % aller Betriebe aus allen Branchen) haben aus Wettbewerbsgründen ihre Preise stabil gehalten, obwohl die Kostensteigerungen an keinem Betrieb vorbeigehen. Das zeigt die harte Wettbewerbssituation unserer Betriebe.
Statistisch betrachtet, kommen auf 10000 Einwohner im Kammerbezirk Potsdam 145 Handwerksbetriebe. Im Bundesdurchschnitt sind es zum Vergleich nur 116.
Die Preisentwicklung ist ein zweischneidiges Schwert!
Einerseits müssen Betriebe selbst immer mehr für Material und Energie bezahlen, andererseits trauen sie sich kaum, die Preise für ihre Produkte und Dienstleistungen zu erhöhen.
Betriebe müssen aber Gewinn machen, damit sie Rücklagen bilden können zur Verbesserung der meist schwachen Eigenkapitaldecke und als Voraussetzung für Investitionen. Und die Investitionstätigkeit ist nach wie vor verhalten.
63 Prozent der Befragten haben im 1.Quartal 2008 nichts investiert. Gesunken ist die Investitionsbereitschaft vor allem bei den Ausbaugewerben sowie im Kfz-Handwerk.
Nur 10 Prozent sprechen von gestiegenen Investitionen, vor allem in Maschinen, Anlagen und Ausrüstungen. Vieles davon sind Ersatzinvestitionen. Bauinvestitionen spielen nur eine untergeordnete Rolle.
Werfen wir zum Schluss einen Blick voraus. Was erwarten die Betrieb in den nächsten Monaten?
Die Prognosen für den Sommer sind geringfügig optimistischer als vor einem Jahr. Die Mehrzahl von 64 Prozent rechnet mit einer gleichbleibenden Geschäftslage und keinen wesentlichen Veränderungen.
21 Prozent der Befragten erwarten eine Verbesserung ihrer Wirtschaftssituation.
Die Wenigsten, nur 15 Prozent befürchten, ihre Lage würde sich verschlechtern. Vor einem Jahr hatten noch 19 Prozent pessimistisch in die Zukunft geschaut.
Positiv sind auch die zu erwartenden Trends auf dem handwerklichen Arbeitsmarkt. 87 Prozent der Befragten planen, ihre Mitarbeiterzahl konstant zu halten. 7 Prozent wollen mehr Personal einstellen.
Es sind vor allem Betriebe aus der Gruppe Gewerblicher Bedarf, die weitere Mitarbeiter einstellen wollen.
Nur 6 Prozent der Befragten denken über Entlassungen nach. Dabei steht das Nahrungsmittelgewerbe an 1.Stelle.
Das Thema Mindestlohn wurde in den letzten Monaten überall sehr kontrovers und emotional diskutiert. Wir haben unter unseren Betrieben im Februar eine Blitzumfrage gestartet. Das Hauptresultat: 59 Prozent der Befragten sprachen sich für einen Mindestlohn aus! Nicht zuletzt, weil dadurch Dumpingpreisen die Basis entzogen werde und tariftreue Unternehmen im Wettbewerb eine reale Chance haben.
In mehreren Gewerken wie bei den Elektrotechnikern, Gebäudereinigern, Malern -und Lackierern gibt es Mindestlöhne und das ist auch gut so. Mindestlöhne müssen jedoch von den Tarifpartner ausgehandelt werden und dürfen nicht gleichmacherisch vom Staat verordnet werden
Was uns die nächsten Monate noch bringen werden?
Die Preise für Handwerksleistungen werden steigen. Die stetig wachsenden Kosten können die Betriebe nicht ewig kompensieren, sie müssen an die Verbraucher weitergereicht werden.
Was uns den Sommer über garantiert alle bewegen wird, ist die Situation auf dem Ausbildungsmarkt.
Bei unseren letzten Betriebsbesuchen haben uns mehrere Firmenchefs bestätigt: Wir haben bisher bedeutend weniger oder keine Bewerbungen für eine Lehrstelle bekommen. Der Rückgang der Schülerzahlen ist bei den Betrieben angekommen!
Demgegenüber steht eine mit mehr als 400 Angeboten so gut wie noch nie zu diesem Zeitpunkt gefüllte
Lehrstellenbörse der Handwerkskammer im Internet. Das Berufespektrum reicht von Bäcker über Elektrotechniker bis zum Zahntechniker.
Unsere Botschaft an die Schulabgänger 2008:
Es lohnt sich Bewerbungen zu schreiben! Es gibt Lehrstellen in den Betrieben! Es gibt Plätze zur Einstiegsqualifizierung für alle diejenigen, deren Voraussetzungen noch nicht ausreichen, um eine anspruchsvolle Lehre beginnen zu können.
Danke