Rede zur Vollversammlung am 3. Dezember 2007, Präsident Bernd Ebert
Das Schiff der Handwerkskammer und vieler Mitglieder bewegt sich auf derzeit sehr unruhigem Meer.
Zur wirtschaftlichen Lage unserer Betriebe muss festgestellt werden, dass der vielfach in der Öffentlichkeit festgestellte konjunkturelle Aufschwung noch nicht in der Handwerkswirtschaft, die - wie Sie wissen - binnengeprägt ist, angekommen ist.
Nur wenige Betriebe merken etwas davon, dass potenzielle Auftraggeber mehr Geld zur Verfügung haben, um Aufträge auslösen zu können. Die derzeitigen Diskussionen um die Gemeindefinanzierung sind von Unsicherheit geprägt. Auch die dortigen Vergabebehörden reagieren sehr vorsichtig mit Aufträgen, da sie oftmals nicht wissen, ob sie diese auch finanzieren können.
Aus diesem Grunde muss eindeutig gesagt werden, dass die Stimmungslage im Handwerk zum 1. Halbjahr des Jahres 2008 von Skepsis getragen sein wird. Die Unternehmer der Handwerkskammer Potsdam gehen demzufolge sehr vorsichtig mit Investitionen und Neueinstellungen um.
Dessen ungeachtet - ich will das nicht verschweigen - gibt es natürlich auch Handwerker, die nach wie vor Fachkräfte suchen. Wohlgemerkt - und das sage ich auch gegenüber der Landesregierung - suchen wir Fachkräfte, das heißt, wir suchen gut ausgebildete Facharbeiter, die mit den Mindestanforderungen an soziale und kulturelle Kompetenzen ausgestattet sind. Wir suchen keine Ingenieure oder Diplom-Ingenieure, da diese für uns im Handwerk nicht zu bezahlen sind.
Mindestlöhne
Ergänzend zu dem kurzen Lagebericht gestatte ich mir, noch eine Bemerkung zu den Mindestlöhnen, die ebenfalls in der Presse diskutiert werden, zu machen.
Die Arbeitgeber der Handwerkskammer sind grundsätzlich gegen gesetzliche Eingriffe in die Tarifautonomie. Nach wie vor sollte es so sein, dass Tarife prinzipiell durch die Tarifpartner verhandelt und festgelegt werden. Dabei ist - und das richte ich an die Verbände, die ja letztlich bundesweit agieren - auch auf Besonderheiten in Ostdeutschland Rücksicht zu nehmen. Wir müssen heute schon feststellen, dass nicht wenige Betriebe ihre wirklich guten Fachkräfte weit über einen vielfach diskutieren Mindestlohn bezahlen, um diese Fachkräfte generell halten zu können. Demzufolge sollten Diskussionen in Ostdeutschland auch besonders behandelt werden.
In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hieß es am Freitag: „Der Damm ist gebrochen."
Die Verfechter des Mindestlohnes streben jetzt einen Mindestlohn von 10 Euro bundesweit per Gesetz an.
Welche Folgen das für den Arbeitsmarkt haben wird, kann zurzeit niemand ermessen. Sicher ist nur, dass die Arbeitskosten im Niedriglohnbereich erheblich steigen werden.
Die Arbeitgeber der Handwerkskammer Potsdam sprechen sich gegen den Abschied von der Tarifautonomie aus. Eventuelle Beispiele aus anderen Ländern sind Augenwäscherei und lassen sich auf Deutschland nicht übertragen.
Wer in diesem Zusammenhang von einer weiteren höheren Subventionierung dieser prekären Situation nicht weniger Bürger spricht, wird schnell feststellen, dass diese nicht arbeiten oder Arbeit suchen, sondern sich mit dem „Mehrgeld" einen schönen Tag machen werden. Zu Lasten ihrer Kinder und zu Lasten des deutschen Steuerzahlers. Wie will die Bundeskanzlerin verhindern, dass zur nächsten Wahl ein Mindestlohn von 15 oder gar 20 Euro und eine weitere höhere Subventionierung prekärer Lebensverhältnisse ausgerufen werden?
Handwerkspolitik
Vor wenigen Tagen fanden in Rostock Zusammenkünfte der Berufsfachverbände und der Handwerkskammern statt. In der Vollversammlung des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks wurde natürlich auch über den jüngsten Insolvenzfall in der Handwerksgeschichte berichtet. Sie sind darüber informiert, dass handwerk.de, das ebenfalls finanziell ins Straucheln geriet, vor geraumer Zeit an eine private Firma - Deutsche Vergabe- und Beschaffungsnetz GmbH - verkauft wurde. Aufgrund dieser Transaktion flossen in die Kassen des ZDH über 1,3 Millionen Euro. Nunmehr hat diese Firma jedoch Insolvenz anmelden müssen.
Ich darf Ihnen versichern, dass keine Handwerkskammer und kein Handwerker hinsichtlich dieses Falles von unserem Zentralverband zur Kasse gebeten wird!
Wer mehr Informationen dazu haben möchte, kann sich gern an das Hauptamt in der Handwerkskammer und hier konkret an Herrn Dr. König wenden.
Hinsichtlich der Wahlen, die - wie die gesamte Veranstaltung - in Rostock stattfanden, hat sich der Vorstand der Handwerkskammer Potsdam für die weitere Tätigkeit des Präsidenten der Handwerkskammer Cottbus, Herrn Peter Dreißig, im ZDH-Präsidium ausgesprochen.
Mit Genugtuung konnten wir feststellen, dass der Präsident Peter Dreißig aus Cottbus einstimmig in das Präsidium und in das geschäftsführende Präsidium des ZDH gewählt wurde. Wir sollten Herrn Dreißig danken, dass er seine Bereitschaft erklärt hatte, sich für das deutsche und konkret für das ostdeutsche Handwerk einzubringen, was sicher mit viel Zeitaufwand verbunden ist.
Otto Kentzler ist als Präsident des Zentralverbandes des Deutschen Handwerks wiedergewählt worden. Der 66-Jährige erhielt das Mandat für eine zweite dreijährige Amtszeit an der Spitze des Handwerks (einstimmig) von den Delegierten der ZDH-Vollversammlung in Rostock.
Kentzler ist Diplomingenieur und hat Gesellenbriefe als Gas-Wasser-Installateur und Klempner. Er leitet gemeinsam mit seinem Sohn in Dortmund die Firma Kentzler Dach und Wand mit rund 50 Beschäftigten. Er steht als Präsident auch der Handwerkskammer Dortmund vor.
In seinem Bericht verwies der Handwerkspräsident darauf, dass Mittelstand und Handwerk in Berlin und Brüssel auf eine Reihe von politischen Erfolgen blicken können. Die wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Bedeutung des Handwerks werde von Bundesregierung und EU-Kommission anerkannt und gefördert. Bundeskanzlerin Angela Merkel sollte - so Kentzler - von ihrem Besuch bei der Vollversammlung am zweiten Tag die Botschaft mitnehmen, dass die Große Koalition in ihren Reformbemühungen fortfahren muss: "Denn die Binnenkonjunktur ist noch nicht so stabil wie es manche gerne hätten".
Vereinbarung
Die Handwerkskammer wird derzeit innerhalb der Organisation von nicht wenigen Verbänden und Kreishandwerkerschaften kontaktiert. Letztendlich geht es bei diesen freiwilligen Organisationseinheiten immer um die finanzielle Unterstützung der Kreishandwerkerschaften und Verbände.
Jüngstes Beispiel dafür ist die Diskussion um die Landesinnungsverbände, die letztlich in eine Vereinbarung über die Zusammenarbeit auf Geschäftsführerebene gemündet ist. Der Vorstand der Handwerkskammer Potsdam hat sich sehr schwer getan, diese Vereinbarung zu akzeptieren. Die Aufstellung der einzelnen Festlegungen, vor allem aber die vorgesehene Mitnahme der Kreishandwerkerschaften über diese Vereinbarung durch die Verbände, die praktisch einer Entmündigung der Kreishandwerkerschaften gleichgekommen wäre, konnte nicht akzeptiert werden. Wir sind der Auffassung, dass die Kreishandwerkerschaften eigenständige juristische Personen sind, demzufolge sehr wohl für sich allein sprechen können und keinen Sprecher der Landesinnungsverbände oder Fachverbände benötigen.
Nach vielen Diskussionen ist es uns gelungen, den Alleinvertreteranspruch der Landesinnungsverbände und Fachverbände aus der Vereinbarung herauszuziehen. Wir denken, dass das auch der Interessenlage der Kreishandwerkerschaften entspricht.
Uns erreichen selbstverständlich auch Rufe aus den Kreishandwerkerschaften, die aufgrund der immer geringer werdenden Mitgliederzahl in den Innungen um ihre finanzielle Existenzfähigkeit bangen. Nun muss dazu festgestellt werden, dass die Handwerkskammern und die Kreishandwerkerschaften auch verschiedene juristische Einheiten der Handwerksorganisation sind.
Sicher arbeiten die Kreishandwerkerschaften und Handwerkskammern für ihre Mitglieder, jedoch ist diese Arbeit von einer unterschiedlichen Zuständigkeit geprägt, die natürlich auch berücksichtigt werden muss.
Uns ist sehr wohl klar, dass die Arbeit der Kreishandwerkerschaften immer mehr auch den ehrenamtlich tätigen Handwerkern obliegt, da das von ihnen finanzierte Hauptamt die Vielzahl der Aufgaben nicht mehr allein wahrnehmen kann.
Uns ist natürlich auch bewusst, dass viele Aktivitäten, die auch vor Ort durchgeführt werden, von Aktionismus geprägt sind und für die Handwerkswirtschaft kaum einen wirtschaftlichen Erfolg bringen. Trotzdem müssen die Kreishandwerkerschaften und Innungen vor Ort aktiv sein, um den dort wirkenden Landräten usw. das Vorhandensein des Handwerks nahe zu bringen.
Image
Immer wieder wird über das mangelnde Image des Handwerks geklagt. Dabei spielen auch die scheinbar fehlende Lobbyarbeit und die angeblich fehlenden Lobbyerfolge eine wesentliche Rolle.
Großen Schaden fügen derzeit Schlagzeilen der Presse aus Frankfurt (Oder) und Magdeburg dem Image des Handwerks zu:
- „Präsident belügt die Vollversammlung"
- „Präsident aus Magdeburg erklärt seinen Rücktritt"
- „Krach bei den Handwerkern"
Solche Schlagzeilen werden gelesen und richten einen großen Imageschaden für alle Handwerker und ihre Organisationen an. Ich kann Ihnen versichern, dass die Handwerkskammer Potsdam sauber und rechtlich genau aufgestellt ist und arbeitet. Mancher mag das nicht so sehen, aber jeder kann sich überzeugen.
Eindeutig müssen wir aber feststellen, dass das Image des Handwerks vom Handwerk selbst gemacht wird. Sauberkeit, Termintreue, Qualität und zuverlässige Beratung sind Kennzeichen eines guten Images für den eigenen Betrieb. Nie sollte vergessen werden, dass Image vor allem durch die Mitarbeiter vor Ort, die meist ohne Anwesenheit des Betriebsinhabers arbeiten, das Image des Handwerks prägen. Sie sollten fachlich und kommunikativ gegenüber den Auftraggebern sein. Beratung zu technischen Lösungen ist nicht nur Sache des Betriebsinhabers, sondern auch Sache der Mitarbeiter.
Zur Unterstützung der Kreishandwerkerschaften hat der Vorstand der Handwerkskammer in seiner letzten Sitzung eine Vereinbarung erarbeitet, die die bisherigen vom Auftraggeber Handwerkskammer ausgereichten Aufträge hinsichtlich des Arbeitsumfanges und der Vergütung wesentlich verbessern.
In den nächsten Wochen - noch vor Jahresende - werden wir den Kreishandwerkerschaften diese neuen Vereinbarungen für das Jahr 2008 übergeben. Bitte bedenken Sie, dass das Auftreten der Kreishandwerkerschaften und ihrer Verwaltung vor Ort durch diese Aufträge wesentlich zielsicherer sein kann und damit auch das Image der Handwerksvertretung vor Ort befördert.
Beratung
Sie alle verfolgen die Tagespresse, die von Klimakatastrophe, Unwettern, Kälte- und Hitzeeinbrüchen und vielem mehr spricht. Trotz zurückgegangener Bauauftragslage, die uns im Handwerk besonders betrifft - immerhin arbeiten nahezu 60 % unserer Mitglieder in der Bauwirtschaft - müssen wir den jetzt auftretenden Kunden, die wesentlich qualitätsbewusster sind und sich hinsichtlich technischer Möglichkeiten im Internet informieren, fachliche Beratung entgegensetzen.
Das erste Gespräch mit einem potenziellen Kunden führt der Unternehmer selbst. Er muss technisch in der Lage sein, den Kunden verständlich technische Möglichkeiten, Kosten und Alternativen aufzuzeigen. Dessen ungeachtet sollten Handwerker, deren finanzielle Lage vorrangig durch Beratungsqualität bestimmt wird, sich selbstbewusst auf Messen bewegen.
Meine Damen und Herren,
animieren Sie Ihre Berufskollegen zum Besuch von Messen, wie zum Beispiel der BAUTEC in Berlin unterm Funkturm oder der BELEKTRO am gleichen Ort. Auch gibt es sehr gute Fachmessen in Frankfurt am Main für das SHK-Handwerk oder für andere Gewerke anlässlich der Handwerksmesse in München.
Im Beratungsgespräch gegenüber dem Kunden muss man ständig mit den neuen Dingen auf dem Laufenden sein, sonst wird das Handwerk an Image verlieren. Der Kunde sollte nicht besser sein als wir als Fachleute und sicher haben Sie oder Ihre Berufskollegen es auch selbst schon erlebt, dass ein gutes Beratungsgespräch meist auch durch ein gutes Klima auf der Baustelle vor Ort bei der Auftragserledigung geprägt ist.
Das Handwerk lebt wie der Einzelhandel von der Binnennachfrage, und die hat sich in den vergangenen Jahren von der Wirtschaftsentwicklung entkoppelt. Ist die deutsche Wirtschaft mit einem Zuwachs von mehr als zwei Prozent für hiesige Verhältnisse recht flott unterwegs, so hinkt das Handwerk mit einem geschätzten Plus von einem Prozent abgeschlagen hinterher. Dem Handwerk geht es besser, aber noch lange nicht gut.
Etwas helfen dürften die milliardenschweren Ausgaben, die die Regierung mit ihrem Klima- und Energieprogramm in der kommenden Woche auslösen wird. Sie werden in weiten Teilen bei den Heizungsbauern, Dachdeckern und Gebäudetechnikern landen. Noch aber sinken die Auftragseingänge, bremst die heraufgesetzte Mehrwertsteuer die Kauflust in konsumabhängigen Branchen wie im Kraftfahrzeuggewerbe, bei Nahrungsmittelherstellern und Friseuren.
Trotz anderslautender Bewertung der Kanzlerin bleiben wir bei unserer Forderung, endlich die die Auftraggeber entlastenden Steuerermäßigungen auf 9.000 Euro heraufzusetzen.
Will die Regierung wirklich etwas gegen Schwarzarbeit tun, wäre das die Antwort, auf die viele heute noch warten.
Das sind Hinweise, die einer Handwerkskammer zustehen. Wir dürfen den Kopf nicht mehr in den Sand stecken, sondern müssen bewusst im Wirtschaftsleben unseren Mann stehen.
Der Wettbewerb, dem wir täglich ausgesetzt sind, ist keine Schmuseveranstaltung, sondern knallharte Auseinandersetzung mit dem Markt. Ich darf vielleicht auch an einen Spruch erinnern, den ich kürzlich gelesen habe: „Die alte Ritterlichkeit von vermeintlichen Wirtschaftspartnern ist vorbei. Es geht um Aufträge!".
Das gilt natürlich auch für die Handwerkskammer, für die wir Verantwortung tragen. Auch die Handwerkskammer steht nicht im luftleeren Raum und im Wettbewerb mit anderen Kammern - auch des Landes - geht es darum, Erfolge und - ich will es nicht verhehlen - auch Aufträge zu realisieren. Darauf wirkt das Hauptamt. Trotzdem gilt es für uns, sowohl mit den Kreishandwerkerschaften als auch mit den Landesinnungsverbänden und den anderen Handwerkskammern im Land effizient zusammenzuarbeiten.
Die Handwerkskammer Potsdam verfügt über ein Kompetenzzentrum Rationelle Energieanwendung. Damit sind wir derzeit äußerst aktuell, denn all das, was jüngst in Meseburg von der Bundesregierung verabredet wurde, dreht sich um Energiesparen und all die Dinge, die dazugehören. Selbstverständlich kann die Handwerkskammer das - und zwar handwerksgemäß. Wir bringen den Lehrlingen in der überbetrieblichen Lehrunterweisung unser Fachwissen bei und wollen die Handwerksmeister befähigen, am Markt wirksam tätig zu sein. Besser zu sein als die Mitwettbewerber gilt es für die Betriebsinhaber als auch für die Handwerkskammer. Nach diesen Kriterien sind wir aufgestellt. Natürlich vergessen wir nicht, dass wir alle für ein Klientel arbeiten. Es kommt nicht vorrangig auf Zuständigkeiten an, sondern auf das bessere Leistungsangebot. Glauben Sie mir, verschiedene, scheinbar gleichartige Angebote an die Mitglieder sind keine verfehlten Investitionen oder ein falsch verstandenes wirtschaftliches Interesse.
Derartige Angebote sind Kennzeichen der Komplementarität des Leistungsangebotes des Berufsstandes. Es gehört zur Leistungsbereitschaft der Mitglieder, die ja alle zur Berufsstandsorganisation gehören, das für sie günstigste Angebot herauszusuchen. Dabei muss jedoch im Ergebnis selbstverständlich auf den Service und die Kosten geachtet werden. Das gehört zum Unternehmertum in Deutschland zu Beginn des neuen Jahrtausends.